„Man kann sich die Mühe machen, über das Leben nachzudenken. Man kann es aber auch sein lassen, weil es ohnehin keinen Sinn ergibt. Der einzige Sinn ist der, vor dem Tod ein wenig gelebt zu haben. Egal wie, egal mit wem – Hauptsache, gelebt.“
Diese Worte verhallen in einer Menge, die mit jedem Satz stiller wird. Wir befinden uns in einem kleinen, düsteren Leseraum. Wer den Raum genauer betrachtet, erkennt darin eher eine ausgebrannte Lagerhalle, die nur notdürftig geflickt wurde. Jetzt dient sie einer Gruppe exzentrischer Poeten als Bühne, in der Hoffnung, dass das Publikum später den einen oder anderen Podcast abonniert. Gelesen wird hier schon lange nicht mehr auf Papier; Texte flimmern nur noch über Displays, werden oberflächlich konsumiert und mit dem Daumen weggewischt. Ob der Mann da vorne wirklich J. C. Bender heißt, konnte ich nie sicher recherchieren. Da ich es wohl nie besser wissen werde, belasse ich es bei diesem Namen.
Carmen, eine alte Bekannte, steht neben mir. Sie wippt im Takt einer Musik, die nur sie hören kann. In ihrer Hand schwenkt sie billigen Wein in einem noch billigeren Glas. Ihr linker Earpod schirmt sie gegen die Außenwelt ab. Das ist die neue Form der Modernität: Man unterhält sich autonom. Man ist zwar physisch zusammen, aber jeder bleibt in seiner privaten Blase aus Playlists und Sprachfetzen gefangen. Oft verlässt man solche Abende genauso, wie man sie betreten hat – ohne ein einziges echtes Wort gewechselt zu haben. Mir ist das inzwischen gleichgültig. Wer versucht, gegen den Strom zu schwimmen, kommt in diesen Zeiten ohnehin nicht weit. Wer vorankommen will, muss sich treiben lassen.
Ich beobachte Carmen. Ich versuche, ihren Blick zu fangen, doch sie starrt ins Leere, gefesselt von ihrem unsichtbaren Soundtrack. Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, warum sich diese Menschen überhaupt zwei dieser Ohrhörer kaufen, wenn sie doch immer nur einen benutzen. Vielleicht ist der zweite nur die Reserve für den Fall, dass die Stille doch einmal zu laut wird.
Ich warte, bis das Licht im Saal gelöscht wird. In der Dunkelheit wirkt das Grau der Wände fast wie eine Kulisse für etwas Größeres, das niemals stattfindet. Ich warte, bis die anderen hinausdrängen, und folge schließlich Carmen als Letzter ins Freie.
So ist das Leben in diesem Viertel: kurz, beschaulich und sparsam mit seinen Versprechen. Wirkliche Tiefe gab es ohnehin nie – das war nur ein Gerücht, vom Hörensagen derer verbreitet, die behaupteten, man müsse das Leben „in vollen Zügen genießen“, weil man nur dieses eine habe. Wir hier genießen nicht. Wir verdrängen nur die Leere, bis das Licht ausgeht. Und wir sind Meister darin.