Donnerstag, Oktober 23, 2025

23. Oktober 2025 – Am Rand des Spätherbstes

Es ist ein später Tag im Oktober, und die Sonne scheint nur noch durch Erinnerung. Der Himmel hängt tief, als wolle er sich endlich auf die Erde legen, müde vom ewigen Schauen. Die Luft schmeckt nach Eisen und Regen, und in den Pfützen zittern die Schatten der Bäume wie alte Hände, die sich nach etwas Unsichtbarem ausstrecken.

Ich gehe durch eine Straße, die ich früher kannte. Nichts hat sich verändert, und doch scheint alles leerer geworden zu sein. Die Fenster, die Gesichter, selbst der Wind — als hätte jemand die Welt leise ausgehöhlt, um sie leichter zu machen für den Abschied.

Und da ist diese plötzliche Schwere, die sich von innen her ausbreitet, wie Wasser, das einen Raum füllt, bis kein Atem mehr bleibt. Ich denke an all die Stimmen, die nicht mehr sprechen, an die Orte, die zu Erinnerung verdorrt sind. Die Zeit trägt ihr schwarzes Kleid heute ohne Zögern.

Aber irgendwo zwischen den Scherben des Tages blitzt etwas auf — kaum spürbar, kaum greifbar. Ein Licht, das nicht von außen kommt. Vielleicht ist es nur die Müdigkeit, die plötzlich hell wird. Vielleicht auch der stille Trotz des Lebens, das sich weigert, zu enden, solange noch jemand hinsieht.

Ein Kind lacht am Ende der Straße.
Ein Vogel hebt ab, gegen die sinkende Dämmerung.
Und für einen Augenblick weiß ich: selbst der Herbst verneigt sich nicht, er wandelt sich — langsam, schweigend, hin zu etwas, das wieder blühen will.

Haiku 033 – Fall

Ein Tropfen zittert

am Blatt, das längst verblasst ist —

und fällt doch ins Licht.

Haiku 032 – Schweigen

Zwischen grauen Zweigen,

verweht der Ruf der Krähen —

Herz ohne Antwort. 

Mittwoch, Oktober 22, 2025

22. Oktober 2025 - Silber und Schatten

Der Morgen glitt wie flüssiges Silber zwischen den Häuserdächern, ein schmaler Streifen Licht, der die Schatten der Nacht noch sanft umfing. Ich öffnete das Fenster und die Luft roch nach nassem Laub und ferne Straßen. Selbst die Vögel hielten inne, als wollten sie den Atem des Tages erst prüfen, ehe sie ihn erfüllen.

Im Laufe des Vormittags schlich sich die Stille zwischen die Worte, die ich dachte, als würde sie jede Geste der Welt sorgfältig aufbewahren. Ein einzelner Ast bewegte sich im Wind wie ein leiser Dirigent, der nur für mich die Symphonie der kleinen Dinge dirigierte.

Nachmittags erschien die Sonne kurz in goldenen Fragmenten und zerbrach das Grau der Stadt. Ich sah Kinder lachen, doch ihr Ton blieb wie ein Echo in einem leeren Saal, eine Erinnerung daran, dass Freude manchmal nur in der eigenen Wahrnehmung leuchtet.

Und am Abend senkte sich der Himmel wie ein weicher Schleier über die Dächer, gefärbt von einem Licht, das nicht mehr glühte, aber auch nicht völlig verloschen war. Ich spürte die leise Umarmung der Nacht, in der selbst die Gedanken ruhen dürfen, bevor sie sich in Träume verwandeln.

Haiku 031 - Schatten

Blätter tanzen leis,

Herbstwind trägt vergessene

Gedanken davon.

Haiku 030 - Silber

Silberne Dämmer

legt sich sanft auf müde Dächer —

Stille atmet tief.

Dienstag, Oktober 21, 2025

21. Oktober 2025 - Stein und Feder

Stein und Feder

Ein grauer Morgen, der den Atem anhält.
Auf der Mauer liegt ein Stein,
vom Regen dunkel, von der Zeit geglättet.
Daneben — eine Feder,
weiß, fast durchsichtig,
vom Wind herübergetragen aus unsichtbarer Ferne.

Zwischen beiden ruht das Gleichgewicht:
das Bleibende und das Flüchtige,
die Hand, die hält,
und das Wort, das fliegt.

Haiku 029 - Feder

Zwischen Gewicht, Flug –

ruft mich die Mitte leise:

Bleib, doch geh zugleich.

Haiku 028 - Stein

Stein im stillen Gras –

die Feder schreibt seine Form

in den klaren Wind.

Montag, Oktober 20, 2025

20. Oktober 2025 - Blätter und Ruh'

Ein kühler Wind tastet durch das vergilbte Laub,

die Sonne steht tief wie eine müde Wache am Horizont.
Ein Tag der Übergänge —
zwischen Wärme und Frost,
zwischen Tun und Träumen.
Die Welt hält kurz den Atem an,
bevor sie in den Nebel taucht.

Haiku 027 - Ruh'

Kalter Hauch im Feld,

der Herbst malt goldene Ränder

an die letzte Ruh’.

Haiku 026 - Blätter

Blätter wie Gedanken –

sie fallen lautlos nieder,

wenn die Zeit sie ruft.

Sonntag, Oktober 19, 2025

19. Oktober 2025 - Mühe und Plage

Der Morgen kam mit grauem Licht, das sich träge über die Felder legte. 

Aus der Erde stieg ein feuchter Duft, schwer von Nacht und Arbeit. Die Hände fanden ihren Rhythmus, das Herz folgte später. 

Ein Tag der Mühe, doch in jedem Tropfen Schweiß ruhte der Glanz des Lebens selbst — schlicht, unerbittlich, wahr.

Haiku 025 - Plage

Harter Pflug im Feld, 

Krähen folgen still dem Mann —

Herbstwind atmet nah.

Haiku 024 - Mühe

Im Tau der Mühen 

spiegelt sich die Morgenruh —

Schritte im Nebel.

Samstag, Oktober 18, 2025

18. Oktober 2025 - Stille und Rufen

Heute liegt der Tag wie ein sanftes Tuch über den Hügeln. 

Die Ruhe wird immer wieder von den Rufen der Damhirsche unterbrochen – ein wildes Echo, das sich durch den Herbstwald zieht und die Luft vibrieren lässt. Es ist ein Dialog zwischen Stille und Klang, zwischen der inneren Gelassenheit und der Natur, die unaufhaltsam ihren Rhythmus lebt. 

Jeder Ton mahnt, achtsam zu sein, und jedes Schweigen schenkt die Möglichkeit, den Atem zu hören, den die Welt selbst ausstößt. 

So wandert der Tag zwischen Lärm und Frieden, bis die Sonne sich neigt und der Wald in eine goldene Stille taucht.

Haiku 023 - Lärm

Ruhige Morgen,

Blätter flüstern mit dem Wind -

Hirsche rufen laut.

Haiku 022 - Stile

Zwischen Wald und Haus,

Stille ringt mit wildem Ton -

Herbst atmet gedämpft.

Freitag, Oktober 17, 2025

17. Oktober 2025 - Morgengrau und Wind

Der Tag kam ohne Drängen,

als hätte er vergessen, dass er beginnen sollte.
Zwischen den Häusern hing ein silbernes Schweigen,
ein Atemzug der Welt,
bevor sie wieder anfing zu sprechen.

Ein Vogel zog einen schmalen Strich ins blasse Blau,
und für einen Moment war alles aufgehoben –
Vergangenheit, Erwartung, Geräusch.
Nur das Licht blieb,
zart und wach,
wie eine Erinnerung an Frieden.

So schritt der Tag in seine eigene Melodie,
ein stilles Lied aus Tau, Atem und Zeit.

Haiku 021 - Wind

Wind trägt goldnen Hauch,

Zeit verrinnt in hellem Blau –

Herz lauscht still dem Licht.