Dienstag, November 04, 2025

4. November 2025 – Im Atem der Stille

Der Tag beginnt mit einem Schweigen, das nicht leer ist, sondern gefüllt von einem fast heiligen Stillstand. Nichts drängt, nichts flieht. Nur das Licht tastet sich vorsichtig an den Rand der Welt.

Ich höre mein eigenes Herz, spüre, wie langsam alles geworden ist — und wie notwendig. Vielleicht ist das die Weisheit des Novembers: nicht mehr zu eilen, sondern sich dem Fluss zu überlassen, der in die Tiefe führt. Und dort, ganz unten, schläft das Neue, verborgen wie ein Samenkorn unter kalter Erde.

Haiku 057 – Ferne

Hinter grauem Dunst

ruft ein unsichtbares Land —

Sehnsucht trägt den Klang.


Haiku 056 – Blattgold

Wind spielt mit dem Rest,

der vom Herbst geblieben ist —

ein leises Verglühn.


Montag, November 03, 2025

3. November 2025 – Am Rand des Lichts

Heute ist der Himmel klarer, aber das Licht hat eine Kälte, die nicht wehtut, sondern nur erinnert. Die Farben sind verschwunden, und was bleibt, ist reine Form. Ich gehe langsam durch den Wald, und der Frost knistert unter meinen Schritten.

Manchmal glaube ich, der November sei keine Zeit, sondern ein Zustand: das Schweigen nach einem Lied, das noch im Herzen nachhallt. Doch in diesem Schweigen liegt Trost. Denn wo nichts mehr laut ist, kann das Herz sich selbst wieder hören.

Ein Vogel ruft in der Ferne. Es klingt wie eine Frage — und zugleich wie eine Antwort.

Haiku 055 – Riss

Zwischen zwei Sekunden

öffnet sich ein tiefer Riss —

daraus wächst das Licht.


Haiku 054 – Stein

Kalter Stein im Bach,

spiegelt grauen Himmel still —

Zeit rinnt über ihn.


Sonntag, November 02, 2025

2. November 2025 – Zwischen Asche und Licht

Ein feiner Regen fällt seit dem Morgen. Er hat etwas Reinwaschendes, als wolle er das Laub von den Schultern der Welt spülen. Die Stunden dehnen sich, tragen kaum Gewicht, und dennoch scheint in jeder ein verborgenes Pochen zu liegen — das Herz der Erde, das weiter schlägt, auch wenn der Himmel schweigt.

Ich zünde eine Kerze an und sehe, wie ihr Licht im Fenster flackert. Der Wind will sie löschen, doch sie hält stand, still und unbeirrbar. Vielleicht ist das der Sinn des Novembers: zu lernen, wie man mit kleinem Licht durch große Dunkelheit geht.

Haiku 053 – Glut

Letztes Feuer glimmt,

ein Hauch von Sommer verweht —

Erinnerung ruft.


Haiku 052 – Regen

Tropfen schlagen sacht,

Fensterscheiben träumen grau —

Stille spricht im Glas.


Samstag, November 01, 2025

1. November 2025 – Im Schatten des Novembers

Die Luft ist schwer von Nebel, und das Licht hat sich verändert. Es kommt nicht mehr von oben, sondern scheint aus der Erde selbst zu steigen — gedämpft, alt, fast erinnernd. Die Tage sind still geworden, und selbst die Geräusche klingen gedämpft, als wagten sie kaum, den Schlaf der Welt zu stören.

Ich gehe durch den Garten, in dem nichts mehr wächst. Und doch, zwischen den welken Stängeln, sehe ich kleine Funken Leben — ein grüner Halm, der dem Frost trotzt, ein Käfer, der noch einmal den Weg über den Stein sucht. Vielleicht liegt darin das eigentliche Wunder: dass selbst der Rückzug ein Teil des Lebens ist.

Und während der Nebel dichter wird, spüre ich, dass in seinem Schweigen kein Ende liegt, sondern ein Warten — als hielte die Welt den Atem an, um das Unvermeidliche sanft willkommen zu heißen.

Haiku 051 – Schwelle

Zwischen Nacht und Tag

liegt ein kaum sichtbarer Traum —

Welt hält kurz den Atem.


Haiku 050 – Dunst

Kalter Morgenwind,

auf den Feldern ruht der Dunst —

Erde atmet still.


Freitag, Oktober 31, 2025

31. Oktober 2025 – Am Rand des Spätherbstes

Der letzte Tag des Monats hüllt die Welt in ein leises Schweigen. Doch im Grau liegt ein Versprechen: Das Ende des Herbstes ist nur der Anfang von etwas Neuem. Ein Kind rennt lachend durch das Laub, ein Vogel steigt auf — und die Welt, müde und doch lebendig, erinnert daran, dass jeder Abschied auch Raum für Neubeginn schafft.

Haiku 049 – Neubeginn

Morgennebel hebt,

Sonne bricht durch graue Schleier —

Alles kann erneut sein.


Haiku 048 – Abschied

Letztes Laub fällt leise,

der Wind trägt es weit fort —

Herbst neigt sich dem Ende.


Donnerstag, Oktober 30, 2025

30. Oktober 2025 – Am Rand des Spätherbstes

Die Nacht liegt schwer über den Dächern, doch mit dem ersten Licht erwachen die kleinen Wunder. Die Schatten weichen nur langsam, und doch: Sie weichen. Ein Vogel singt sein Morgenlied, und für einen Augenblick scheint alles möglich.

Haiku 047 – Erwachen

Tau auf kahlen Gräsern,

leise glänzt der neue Tag —

alles atmet Licht.


Haiku 046 – Schatten

Straßenlampen glühen,

lange Schatten folgen mir —

Nacht atmet leise.


Mittwoch, Oktober 29, 2025

29. Oktober 2025 – Am Rand des Spätherbstes

Die Welt fühlt sich an wie ein leeres Haus, in dem die Stimmen vergangener Tage noch nachhallen. Doch jeder Schritt auf dem knirschenden Laub erzählt: Vergänglichkeit ist nicht nur Ende, sie ist auch der Beginn von Neuem. Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken und zeigt, dass selbst in der Stille Wandel möglich ist.

Haiku 045 – Erinnerung

Alte Tür quietscht leise,

Hauch von gestern in den Ritzen —

Zeit bleibt kurz stehen.