Samstag, November 29, 2025

29. November 2025 – Am Tor zur Stille

Ich stehe an einer Kreuzung, an der ich schon oft stand, doch heute trägt sie einen anderen Atem. Alles ist stiller, tiefer. Als gäbe es einen unsichtbaren Übergang, der nur im November sichtbar wird.

Die Luft ist klar, die Welt leer von Geräuschen. Und in dieser Klarheit erkenne ich: Stille ist kein Fehlen, sondern ein Raum. Und in diesem Raum beginnt das Leben erneut, ganz klein, ganz vorsichtig — aber mit unendlicher Kraft.

Haiku 107 – Stufe

Kalter Treppenstein,

trägt die Schatten meiner Schritte —

Zeit hält still für mich.


Haiku 106 – Fließlicht

Im Kanal das Licht,

zittert auf dem dunklen Strom —

Abend löst sich sacht.


Freitag, November 28, 2025

28. November 2025 – In der Nähe der Nacht

Die Nacht rückt früher, und sie rückt näher. Doch sie ist nicht bedrohlich. Sie ist wie eine Hand, die über die Welt gelegt wird, damit sie ruhen kann.

Ich sehe in den Himmel, in dem kaum noch Sterne stehen. Und doch glimmt in dieser Leere etwas: ein winziger Punkt, der nicht vergeht. Vielleicht ist Hoffnung genau das — ein Licht, das nicht wächst, nicht strahlt, aber bleibt.

Haiku 105 – Atemspur

Dunkel hält den Hauch,

macht ihn für Sekunden sichtbar —

Beweis eines Seins.


Haiku 104 – Winterklang

Ein Zweig bricht im Wind,

doch der Ton ist hell und rein —

Bruch wird Melodie.


Donnerstag, November 27, 2025

27. November 2025 – Auf dem Weg durchs Blasse

Die Welt ist fast farblos geworden — aber nicht tot. Vielmehr scheint sie zu warten. Die Farben haben sich zurückgezogen in den Kern der Dinge, dorthin, wo sie wachsen, bevor sie wieder erscheinen.

Ich gehe denselben Weg wie gestern, und doch wirkt alles anders: stiller, tiefer, wahrer. Vielleicht ist Wandel nichts weiter als das stetige Leiser werden, aus dem ein neues Lied entsteht.

Haiku 103 – Randung

Am Feldweg ein Glanz,

fast unsichtbar, doch so warm —

Funke gegen Grau.


Haiku 102 – Flimmer

Über nackten Zweigen

zittert scheues Winterlicht —

Welt blinkt einen Gruß.


Mittwoch, November 26, 2025

26. November 2025 – Am gefrorenen Rand

Der Morgen ist hart geworden. Der Frost liegt wie Glas über allem, und jeder Schritt klingt, als würde die Welt selbst knacken.

Doch in dieser Brüchigkeit findet sich eine unerwartete Würde. Nichts versteckt sich mehr. Alles zeigt sich, wie es ist: verletzlich, schimmernd, wahr.

Ich atme tief ein, und die Kälte schneidet. Doch sie reinigt auch. Und irgendwo darin beginnt etwas Neues zu vibrieren — zaghaft, aber bestimmt.

Haiku 101 – Hüllung

Morgen trägt ein Grau,

zart wie ungeweinte Tränen —

Zeit hält seinen Arm.


Haiku 100 – Strich

Ein heller Riss Wind,

schneidet durch die stille Luft —

neuer Tag, so dünn.


Dienstag, November 25, 2025

25. November 2025 – Im Spiegel der Kälte

Der Frost hat die Welt klar gemacht. Kein Schleier, kein Wind, keine Flucht. Nur reine Linien, die sich ohne Ausrede zeigen.

Ich sehe mein Spiegelbild im gefrorenen Wasser. Es wirkt fremd und vertraut zugleich — wie ein alter Freund, der lange fort war. Und ich ahne: Die Kälte, die ich fürchte, ist oft nur die Klarheit, die ich vermeide.

Doch in der Klarheit liegt ein Anfang. Immer.

Haiku 099 – Schritt

Ferne Schritte hallen,

als ginge jemand neben mir —

der ich einst gewesen.


Haiku 098 – Blaugrau

Winterluft im Tal,

mischt sich mit geschmolznen Träumen —

Himmel ohne Rand.

Haiku 099 – Schritt

Ferne Schritte hallen,
als ginge jemand neben mir —
der ich einst gewesen.

Prosa 25. November 2025 – Im Spiegel der Kälte
Der Frost hat die Welt klar gemacht. Kein Schleier, kein Wind, keine Flucht. Nur reine Linien, die sich ohne Ausrede zeigen.

Ich sehe mein Spiegelbild im gefrorenen Wasser. Es wirkt fremd und vertraut zugleich — wie ein alter Freund, der lange fort war. Und ich ahne: Die Kälte, die ich fürchte, ist oft nur die Klarheit, die ich vermeide.

Doch in der Klarheit liegt ein Anfang. Immer.

Montag, November 24, 2025

24. November 2025 – Am vereisten Abend

Der Abend wirkt heute wie ein Schleier, der über die Dinge fällt, ohne sie zu verdecken. Vielmehr macht er sie durchsichtiger — als könnten sie plötzlich frei atmen.

Ich sitze draußen auf der Stufe, die Hände kalt, die Gedanken warm. Und in der Ferne höre ich einen Vogel rufen, spät, fehl am Platz, und doch vollkommen richtig im eigenen Rhythmus.

Manchmal genügt ein einziger falscher Ton, um uns an unsere eigene Melodie zu erinnern.

Haiku 097 – Hauchlicht

Schimmer ohne Form,

treibt im trägen Abendwind —

Licht vergisst sich nicht.


Haiku 096 – Fernruf

Ein Ruf im Dunstmeer,

verfliegt und bleibt doch zurück —

Klang aus grauer Zeit.


Sonntag, November 23, 2025

23. November 2025 – In der Tiefe der Wolken

Die Wolken liegen tief heute, so tief, dass sie die Erde fast berühren. In ihrer Schwere liegt ein Versprechen: Ruhe, nicht Druck. Sammlung, nicht Last.

Ich bleibe stehen und sehe in dieses bleiche, atmende Dach über mir. Und plötzlich spüre ich, dass auch ich so werden darf: schwer, aber nicht bedrückt; ruhig, aber nicht erstarrt.

Die Welt trägt uns, auch wenn sie schweigt.

Haiku 095 – Trübung

Wolken hängen schwer,

verblassen in Nebellicht —

Tag sucht seinen Klang.