Mittwoch, Januar 21, 2026

Die Meister des Verdrängens

„Man kann sich die Mühe machen, über das Leben nachzudenken. Man kann es aber auch sein lassen, weil es ohnehin keinen Sinn ergibt. Der einzige Sinn ist der, vor dem Tod ein wenig gelebt zu haben. Egal wie, egal mit wem – Hauptsache, gelebt.“

Diese Worte verhallen in einer Menge, die mit jedem Satz stiller wird. Wir befinden uns in einem kleinen, düsteren Leseraum. Wer den Raum genauer betrachtet, erkennt darin eher eine ausgebrannte Lagerhalle, die nur notdürftig geflickt wurde. Jetzt dient sie einer Gruppe exzentrischer Poeten als Bühne, in der Hoffnung, dass das Publikum später den einen oder anderen Podcast abonniert. Gelesen wird hier schon lange nicht mehr auf Papier; Texte flimmern nur noch über Displays, werden oberflächlich konsumiert und mit dem Daumen weggewischt. Ob der Mann da vorne wirklich J. C. Bender heißt, konnte ich nie sicher recherchieren. Da ich es wohl nie besser wissen werde, belasse ich es bei diesem Namen.
Carmen, eine alte Bekannte, steht neben mir. Sie wippt im Takt einer Musik, die nur sie hören kann. In ihrer Hand schwenkt sie billigen Wein in einem noch billigeren Glas. Ihr linker Earpod schirmt sie gegen die Außenwelt ab. Das ist die neue Form der Modernität: Man unterhält sich autonom. Man ist zwar physisch zusammen, aber jeder bleibt in seiner privaten Blase aus Playlists und Sprachfetzen gefangen. Oft verlässt man solche Abende genauso, wie man sie betreten hat – ohne ein einziges echtes Wort gewechselt zu haben. Mir ist das inzwischen gleichgültig. Wer versucht, gegen den Strom zu schwimmen, kommt in diesen Zeiten ohnehin nicht weit. Wer vorankommen will, muss sich treiben lassen.
Ich beobachte Carmen. Ich versuche, ihren Blick zu fangen, doch sie starrt ins Leere, gefesselt von ihrem unsichtbaren Soundtrack. Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, warum sich diese Menschen überhaupt zwei dieser Ohrhörer kaufen, wenn sie doch immer nur einen benutzen. Vielleicht ist der zweite nur die Reserve für den Fall, dass die Stille doch einmal zu laut wird.
Ich warte, bis das Licht im Saal gelöscht wird. In der Dunkelheit wirkt das Grau der Wände fast wie eine Kulisse für etwas Größeres, das niemals stattfindet. Ich warte, bis die anderen hinausdrängen, und folge schließlich Carmen als Letzter ins Freie.
So ist das Leben in diesem Viertel: kurz, beschaulich und sparsam mit seinen Versprechen. Wirkliche Tiefe gab es ohnehin nie – das war nur ein Gerücht, vom Hörensagen derer verbreitet, die behaupteten, man müsse das Leben „in vollen Zügen genießen“, weil man nur dieses eine habe. Wir hier genießen nicht. Wir verdrängen nur die Leere, bis das Licht ausgeht. Und wir sind Meister darin.

Samstag, Januar 17, 2026

Feindbilder

Eine Nation wird nie Dein Feind sein.
Eine Nation wird durch Ihre Führung zu Deinem Feind erklärt.
Das ist ein großer Unterschied.
Die Führung vergiftet die Menschen und erzeugt Ängste, die es nicht gibt.
Die Führung lebt und wächst nur durch diese künstlich geschürten Ängste.
Ist die Angst einmal im Vollbrand, dann wird die Manipulation der Ängstlichen noch einfacher.
Die Führung erzeugt Kriege, die durch Angst vor dem Untergang genährt wird.
Die so verängstigten Menschen erzeugen wiederum Ängste bei jenen, die sie angreifen.
Und so kann Krieg entstehen und wird dieser Krieg so lange Bestand haben, so lange, bis die Angst vor dem, was dann kommt, größer wird, als die Angst vor dem, was man in die Köpfe versenkt hat.
Erst dann kann Friede kommen.
Dieser Friede wird so lange währen, bis die Menschen, die den Krieg kannten, verstorben sind, oder vergessen haben, was den Krieg heraufbeschworen hat.
Eine Führung, die durch Terror Angst erzeugt, deren Ursache eigentlich nicht wirklich vorhanden ist.

Donnerstag, Januar 01, 2026

Ein Beginn

 Ab heute wünsche ich uns nur mehr,

dass nichts mehr so wird, wie es war!

Mittwoch, Dezember 31, 2025

31. Dezember 2025 – Am Tor des neuen Lichts

Die Nacht des Jahreswechsels ist nicht laut. Zumindest nicht in mir. Sie ist ein Tor, das sich öffnet, ohne dass man es berührt.

Ich atme tief ein und sehe dem alten Jahr nach, dankbar für das, was blieb und was ging.
Und dann gehe ich einen Schritt weiter — hinein in ein neues Licht, das schon wartet.

Haiku 171 – Herzruf

In der leisen Nacht

ruft ein sanfter, neuer Klang —

Morgen will entstehen.


Haiku 170 – Schwellenlicht

Jahreskante hell,

Wind wischt Spuren in die Luft —

Neubeginn im Blick.


Dienstag, Dezember 30, 2025

30. Dezember 2025 – Im letzten Frostglanz

Der vorletzte Tag des Jahres trägt eine leise Schwere. Nicht traurig — nur voll. Wie ein Gefäß kurz vorm Überlaufen.

Ich sitze im Winterlicht und höre in mich hinein. Und was ich finde, ist kein Lärm, sondern ein leiser Aufbruch.

Haiku 169 – Innenklang

Kurz vorm Jahresend

wird die Seele tief und weit —

Wünsche tauchen auf.


Haiku 168 – Funken

Frost im Abendlicht,

streut auf Zweige kleinen Glanz —

Tag schließt still die Hand.


Montag, Dezember 29, 2025

29. Dezember 2025 – Am weiten Horizont

Das Jahr lässt langsam los. Ich spüre es im Licht, im Wind, in den verschobenen Tagen.

Ein Teil von mir blickt zurück, ein anderer nach vorn. Doch am wichtigsten ist jener Teil, der einfach hier bleibt — genau zwischen beidem.

Haiku 167 – Schrittweit

Zwischen Alt und Neu

liegen nur drei Atemzüge —

Zeit geht still voraus.


Haiku 166 – Silbersaum

Wolken öffnen sich,

lassen eine helle Spur —

Himmel wird zu Weg.


Sonntag, Dezember 28, 2025

28. Dezember 2025 – Im trägen Winterlicht

Der Tag ist träge, ohne Last. Nichts fordert, nichts ruft. Ich nehme mir die Freiheit, einfach zu sein — unproduktiv, ungestört, unbewertet.

Und im Nichtstun erkenne ich: Der Winter kann heilsam sein, wenn man ihn lässt.

Haiku 165 – Flockenlauf

Zarte Spuren Schnee,

laufen über Dächer weit —

Weiß bringt neue Wege.


Haiku 164 – Hauchstill

Nebel ohne Drang,

hängt wie müder Atem tief —

Tag ruht in sich selbst.